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Günther Jauch's "Die Weisheit der Vielen" RTL, 19. Januar um 20.15 Uhr

Die Weisheit der Vielen – Warum es funktioniert

James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen
Buchtipp:
James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. ISBN 3570006875

Günther JauchWenn Günther Jauch still lächelt, sieht es für die KandidatInnen von „Wer wird Millionär“ meistens nicht gut aus. Sie wissen nicht mehr weiter, und müssen zu einem der drei Helfer greifen. Entweder mit dem Fifty-Fifty-Joker zwei der vier Antworten verschwinden lassen, einen „Experten“ anrufen oder das Publikum befragen. Die meisten heben sich den Telefonjoker, also das Wissen eines Einzelnen, bis zum Ende auf, weil sie ihn für besonders wertvoll halten.

Ein Fehler, der dem Fernsehsender RTL schon tausende Euro gespart hat. Denn bei der US-Version der Show wurde ermittelt, welche Joker tatsächlich am meisten gebracht haben. Dabei kam der Telefon-Joker auf 65 Prozent richtige Antworten. Das Publikum erreichte hingegen eine Trefferquote von 91 Prozent!

Selbst bei schwierigen Fragen haben die Zuschauer meistens recht. So konnten sich auch die bisherigen Euro-Millionen-Gewinner bei Günther Jauch voll und ganz auf das Publikum verlassen. Die Frage „Wo befindet sich der Hauptsitz der UNESCO?“ wurde ebenso richtig beantwortet, wie „Wer gehört nicht zu Dorothys Begleitern in ‚Der Zauberer von Oz’?“.

Quellen:
Kate H. Gordon: Group Judgments in the Fields of Lifted Weights. Journal of Experimental Psychology 1924 (7). ISSN 0022-1015

Das ist kein Zufall. Die Wissenschaft ist dem Phänomen der intelligenten Masse schon lange auf der Spur. So führte die amerikanische Soziologin Kate Gordon in den 1920er Jahren ein Experiment durch. Sie ließ 200 Studenten verschiedene Gegenstände nach ihrem Gewicht ordnen. Und siehe da: Die Gruppe hatte eine Trefferquote von 94 Prozent. Nur fünf der einzelnen Teilnehmer erzielten mit ihren eigenen Schätzungen ein besseres Ergebnis.

Jack L. Treynor: Market Efficiency and the Bean Jar Experiment. Financial Analysts’ Journal 43.1987 (3). ISSN 0015-198X

Das Experiment wurde in abgeänderter Form von vielen Wissenschaftern wiederholt. So ließ Jack Treynor, US-Professor für Finanzwirtschaft, seine 56 Seminarteilnehmer schätzen, wie viele Bohnen sich in einem Glas befanden. Der Durchschnitt aller Einzel-Schätzungen betrug 871, tatsächlich waren es 850 Bohnen. Nur ein einziger Teilnehmer war näher am richtigen Ergebnis dran.

Das Phänomen der schlauen Masse funktioniert auch Tag für Tag – auf der ganzen Welt. So haben zahlreiche Wissenschafter die Vorhersagekraft von Wettmärkten untersucht. Das Ergebnis war immer gleich. Bei allen Hauptsportarten liegen die Wettquoten sehr nahe am späteren Ergebnis. Besonders gut zeigt sich das bei Pferdewetten. Ein auf drei zu eins gewettetes Pferd wird etwa bei einem Viertel der Rennen auch tatsächlich siegen.

Sergey Brin & Lawrence Page: The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine

GoogleAuch Google macht sich das Prinzip der Masse zu nutze. Denn das von Larry Page und Sergey Brin entwickelte System reiht die einzelnen Websites danach, wie oft andere Sites auf sie verlinken. Die Masse entscheidet also darüber, was besonders gut ist. Der Erfolg ist beeindruckend: Heute antwortet Google auf mehr als 200 Millionen Suchvorgänge pro Tag. Und meistens führt das Ergebnis auch zu einem guten Treffer.

Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia setzt ebenfalls auf die Kraft der Vielen. Jeder Einzelne kann Artikel überarbeiten oder ganz neu anlegen – mehr als 100.000 Autoren gibt es bereits. Und deren Werk kann sich leicht mit professionellen Enzyklopädien messen. Die Zeitschrift Nature hat den Vergleich mit der Encyclopædia Britannica gewagt. Dort waren durchschnittlich drei Fehler in einem Artikel, bei Wikipedia vier. Es ist nur noch eine Frage von ein paar Monaten, bis Wikipedia den jahrzehntelangen Vorsprung der Encyclopædia Britannica aufgeholt hat.

Lu Hong & Scott Page: Problem Solving by Heterogeneous Agents. Journal of Economic Theory 97.2001 (1). ISSN 0022-0531

Eine wichtige Voraussetzung, damit die kollektive Intelligenz allerdings auch tatsächlich funktioniert, ist Diversität, also Vielfalt. Es geht nicht darum, die klügsten Köpfe zu sammeln, sondern alle miteinzubeziehen. Von jung bis alt, von gebildet bis ungebildet, von erfahren bis noch grün hinter den Ohren. So haben zum Beispiel die Finanzwissenschafter Lu Hong und Scott Page nachgewiesen, dass gemischte Gruppen aus klugen und weniger intelligenten Mitgliedern fast immer besser abschneiden, als Gruppen mit nur klugen Mitgliedern. Auch einzelne Genies haben gegen eine gut durchmischte Gruppe keine Chance.

Das Prinzip der kollektiven Intelligenz ist übrigens nicht nur bei Menschen äußerst erfolgreich. Als klassische Beispiele dienen Ameisen- und Bienenstaaten. Während die einzelnen Tiere nicht gerade schlau sind, erobern sie gemeinsam die Welt.

Linktipp: „Kollektive Intelligenz“ bei Wikipedia

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